











Die photographische Arbeit nimmt Bezug zum 6. Kapitel in der Offenbarung des Johannes – dem letzten Buch im Neuen Testament der Bibel (Offenbarung, griech.: αποκαλυψις apokalypsis, wörtl. „Enthüllung“).
Die surreal anmutende Beschreibung der Apokalypse gehört zu den bildgewaltigsten Texten des Christentums. Mit der Öffnung von sieben Siegeln stürzen Unheil verkündende Vorboten des Weltendes auf die Erde. Sieben Engel mit sieben Posaunen entfachen letztendlich das allumfassende Inferno, an dessen Ende die Verkündung des Himmlischen Jerusalem steht, nachdem Gott über den Teufel triumphiert hat.
Konzeptionell fokussiert die Werkgruppe die Öffnung des V. Siegels, hinter dem sich Märtyrer verbergen, die für Ihren Glauben gerichtet wurden. Sie verlangen Vergeltung für Ihren Tod.
Die Photographien zeigen geschändete, sich in der Restauration befindende Grabmäler.
Mit halbtransparenten, rissigen Plastikplanen abgehängt, warten enthauptete Engel auf ihre Enthüllung. Vereinzelt nur erlauben dem Rezipienten kleine Risse in den Folien Einblicke in Bereiche, die seine Vorstellungskraft befeuern. Leichter Wind lässt die fragilen Hüllen wie Gewänder erscheinen.
„Und ihnen wurde gegeben einem jeglichen ein weißes Kleid, und es ward zu Ihnen gesagt, daß sie ruhen müßten noch eine kleine Zeit, bis daß vollends dazu kämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch noch sollten getötet werden gleichwie sie.“ (Offenbarung des Johannes, Kapitel 6, Vers 11)
Maße: 900 x 600 mm
Limitierung: je 5 + 2 AP
Beschädigte Grabmale, versehrte Engel, von transparenten Planen nur dürftig verhüllt, in einem düsteren Glanz halb nur verborgen, halb entblößt, als sei der Tod selbst hier versehrt. Und doch kann bei der Werkreihe „Das fünfte Siegel“ nicht von einer totalen Düsternis gesprochen werden. Die Ambiguität von Verschleierung und Enthüllung erregt einen verheißungsvollen Reiz des Vorläufigen, des nicht Endgültigen.
Der Werktitel nimmt Bezug auf die Offenbarung des Johannes, wo bei der Öffnung des fünften Siegels, gleich nach der Ankunft der vier apokalyptischen Reiter, die Seelen der Blutzeugen rufen. „Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand, und ihnen wurde gesagt, dass sie ruhen müssten noch eine kleine Zeit.“ Der da spricht, ist Christus selbst: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“
Offenbarung heißt auf griechisch Apokalypse, also Enthüllung oder Entschleierung. Das benachbarte Wort Aletheia heißt Wahrheit, Heidegger übersetzt es wörtlich mit Unverborgenheit. Die Gestalten in Nico Wallfarths Werkreihe enthüllen sich aus ihrer Verborgenheit in die Unverborgenheit, in die Wahrheit des Blicks, des Gesehenwerdens. Dieses zögernde Sich-Enthüllen hat eine erotische Dimension, die bei den Propheten des Alten Testaments in der Brautmetaphorik variiert wird.
Wenn Jeremia dem Volk droht, dann ruft er: „Und ich will in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems wegnehmen den Jubel der Freude und Wonne und die Stimme des Bräutigams und der Braut; denn das Land soll wüst werden.“ Wüst wie die versehrten Gräber im Fünftem Siegel. Wenn Jesaja sich aber freut, dann ruft er: „Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich … denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen …, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.“
Braut und Bräutigam sind unter dem Schmuck verborgen, aber gleichzeitig entbirgt der verbergende Schmuck ihre Vorfreude, ihren körperlichen Anspruch aufeinander. Entbergen und Verbergen in Einem. Die Brautmetaphorik wird in der ganzen Bibel, aber auch in den apokryphen, den verborgenen Schriften der frühen Christen, auf das Verhältnis Christi und seinen Erwählten ausgedehnt. In einem lange verschollenen Text heißt es: „Die Auserwählung nun ist Mit-Körper und Mit-Wesen mit dem Erlöser, da sie wie eine Brautkammer ist wegen ihrer Einheit und ihrer Vereinigung mit ihm … Die Berufung aber hat den Platz derer, die sich freuen am Brautgemach und die fröhlich und freudig sind über die Vermischung zwischen Bräutigam und Braut.“
Die Kleider der Auserwählten sind Fest- und Hochzeitskleider. Was als Leib davon verhüllt wird, freut sich auf die Enthüllung in liebender Vereinigung mit Christus. In einem frühchristlichen Text wird berichtet: „Als wir ihre Schönheit sahen, konnten wir uns nicht fassen … Und ich wandte mich an den Herrn und fragte ihn: Wer sind diese Menschen? Der Herr antwortete: Das sind unsere gerechten Brüder und Schestern … Die Bewohner dieses Gebiets trugen leuchtende Gewänder wie Engel“. Und an anderer Stelle heißt es: „Dann werden Engel meine Auserwählten und Gerechten kommen lassen … Die Engel tragen sie auf ihren Händen, und die Gerechten sind angetan mit den Kleidern des ewigen Lebens.“
Das Verhüllte der Gestalten in Nico Wallfarths „Das Fünfte Siegel“ ist ein zweideutiges Verhüllen, das dem Blickenden schon die baldige Enthüllung verheißt. Die Morbidität des Friedhofs ist vorläufig. Durch die halbtransparenten Hüllen enthüllen sich schon bald die Engelsleiber und sehnen sich „hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere Süden, als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich aller Kleider schämen“.
Zitate:
Offenbarung 6,11.
Offenbarung 1,17-18.
Jeremia 7,34.
Jesaja 61,10.
Tractatus Tripartitus 122, 14-20.
Griechische Petrus-Apokalypse 4,12-5,17.
Äthiopische Petrus-Apokalypse, 13,1-3.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra III.
Von alten und neuen Tafeln, § 2.












Die photographische Arbeit nimmt Bezug zum 6. Kapitel in der Offenbarung des Johannes – dem letzten Buch im Neuen Testament der Bibel (Offenbarung, griech.: αποκαλυψις apokalypsis, wörtl. „Enthüllung“).
Die surreal anmutende Beschreibung der Apokalypse gehört zu den bildgewaltigsten Texten des Christentums. Mit der Öffnung von sieben Siegeln stürzen Unheil verkündende Vorboten des Weltendes auf die Erde. Sieben Engel mit sieben Posaunen entfachen letztendlich das allumfassende Inferno, an dessen Ende die Verkündung des Himmlischen Jerusalem steht, nachdem Gott über den Teufel triumphiert hat.
Konzeptionell fokussiert die Werkgruppe die Öffnung des V. Siegels, hinter dem sich Märtyrer verbergen, die für Ihren Glauben gerichtet wurden. Sie verlangen Vergeltung für Ihren Tod.
Die Photographien zeigen geschändete, sich in der Restauration befindende Grabmäler.
Mit halbtransparenten, rissigen Plastikplanen abgehängt, warten enthauptete Engel auf ihre Enthüllung. Vereinzelt nur erlauben dem Rezipienten kleine Risse in den Folien Einblicke in Bereiche, die seine Vorstellungskraft befeuern. Leichter Wind lässt die fragilen Hüllen wie Gewänder erscheinen.
„Und ihnen wurde gegeben einem jeglichen ein weißes Kleid, und es ward zu Ihnen gesagt, daß sie ruhen müßten noch eine kleine Zeit, bis daß vollends dazu kämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch noch sollten getötet werden gleichwie sie.“ (Offenbarung des Johannes, Kapitel 6, Vers 11)
Maße: 900 x 600 mm
Limitierung: je 5 + 2 AP
Beschädigte Grabmale, versehrte Engel, von transparenten Planen nur dürftig verhüllt, in einem düsteren Glanz halb nur verborgen, halb entblößt, als sei der Tod selbst hier versehrt. Und doch kann bei der Werkreihe „Das fünfte Siegel“ nicht von einer totalen Düsternis gesprochen werden. Die Ambiguität von Verschleierung und Enthüllung erregt einen verheißungsvollen Reiz des Vorläufigen, des nicht Endgültigen.
Der Werktitel nimmt Bezug auf die Offenbarung des Johannes, wo bei der Öffnung des fünften Siegels, gleich nach der Ankunft der vier apokalyptischen Reiter, die Seelen der Blutzeugen rufen. „Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand, und ihnen wurde gesagt, dass sie ruhen müssten noch eine kleine Zeit.“ Der da spricht, ist Christus selbst: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“
Offenbarung heißt auf griechisch Apokalypse, also Enthüllung oder Entschleierung. Das benachbarte Wort Aletheia heißt Wahrheit, Heidegger übersetzt es wörtlich mit Unverborgenheit. Die Gestalten in Nico Wallfarths Werkreihe enthüllen sich aus ihrer Verborgenheit in die Unverborgenheit, in die Wahrheit des Blicks, des Gesehenwerdens. Dieses zögernde Sich-Enthüllen hat eine erotische Dimension, die bei den Propheten des Alten Testaments in der Brautmetaphorik variiert wird.
Wenn Jeremia dem Volk droht, dann ruft er: „Und ich will in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems wegnehmen den Jubel der Freude und Wonne und die Stimme des Bräutigams und der Braut; denn das Land soll wüst werden.“ Wüst wie die versehrten Gräber im Fünftem Siegel. Wenn Jesaja sich aber freut, dann ruft er: „Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich … denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen …, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.“
Braut und Bräutigam sind unter dem Schmuck verborgen, aber gleichzeitig entbirgt der verbergende Schmuck ihre Vorfreude, ihren körperlichen Anspruch aufeinander. Entbergen und Verbergen in Einem. Die Brautmetaphorik wird in der ganzen Bibel, aber auch in den apokryphen, den verborgenen Schriften der frühen Christen, auf das Verhältnis Christi und seinen Erwählten ausgedehnt. In einem lange verschollenen Text heißt es: „Die Auserwählung nun ist Mit-Körper und Mit-Wesen mit dem Erlöser, da sie wie eine Brautkammer ist wegen ihrer Einheit und ihrer Vereinigung mit ihm … Die Berufung aber hat den Platz derer, die sich freuen am Brautgemach und die fröhlich und freudig sind über die Vermischung zwischen Bräutigam und Braut.“
Die Kleider der Auserwählten sind Fest- und Hochzeitskleider. Was als Leib davon verhüllt wird, freut sich auf die Enthüllung in liebender Vereinigung mit Christus. In einem frühchristlichen Text wird berichtet: „Als wir ihre Schönheit sahen, konnten wir uns nicht fassen … Und ich wandte mich an den Herrn und fragte ihn: Wer sind diese Menschen? Der Herr antwortete: Das sind unsere gerechten Brüder und Schestern … Die Bewohner dieses Gebiets trugen leuchtende Gewänder wie Engel“. Und an anderer Stelle heißt es: „Dann werden Engel meine Auserwählten und Gerechten kommen lassen … Die Engel tragen sie auf ihren Händen, und die Gerechten sind angetan mit den Kleidern des ewigen Lebens.“
Das Verhüllte der Gestalten in Nico Wallfarths „Das Fünfte Siegel“ ist ein zweideutiges Verhüllen, das dem Blickenden schon die baldige Enthüllung verheißt. Die Morbidität des Friedhofs ist vorläufig. Durch die halbtransparenten Hüllen enthüllen sich schon bald die Engelsleiber und sehnen sich „hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere Süden, als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich aller Kleider schämen“.
Zitate:
Offenbarung 6,11.
Offenbarung 1,17-18.
Jeremia 7,34.
Jesaja 61,10.
Tractatus Tripartitus 122, 14-20.
Griechische Petrus-Apokalypse 4,12-5,17.
Äthiopische Petrus-Apokalypse, 13,1-3.
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra III.
Von alten und neuen Tafeln, § 2.